Ein Wagen voller Fastopfer

Par Brigtte :: 13/05/2008 à 13:09 :: Fasten
 
  Was machen die Diakone zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Ein Bruder erinnert sich an diese Zeit zurück. Seine Geschichte sollte Träger des Aaronischen  Priestertums in unserer Zeit besonders interessieren.
  Ich wurde zum Diakon ordiniert, und es dauerte keine zehn Minuten, da erhielt ich auch schon einen Auftrag.

Ich wurde von meinem Vater ordiniert. Der Bischof, einer seiner Ratgeber und der Berater der Diakone standen ihm zur Seite. Nach der Ordinierung gratulierten mir die Brüder, und ein jeder gab mir einen guten Rat. Als aber der Berater der Diakone an der Reihe war. hielt er nicht erst eine lange Rede, sondern sagte einfach:

„Ich gebe dir jetzt deinen ersten Auftrag als Diakon. Am nächsten Samstag gehst du mit Fred Edwards Fastopfer einsammeln. Ihr trefft euch bei Bruder Pehrsons Haus um zehn. Wenn ihr bei der Sache seid und nicht allzuviel spielt, müßtet ihr zu Mittag fertig sein."

Dann gingen wir miteinander den Gang entlang zur Klasse der Diakone. Damals fand die Priestertumsversammlung am Montagabend statt. Nach der Versammlung lief ich aufgeregt nach Hause und berichtete meiner Mutter von meinem Auftrag.

Sie fing auf der Stelle an zu planen: „Hole das weiße Hemd aus der Wäschetruhe. Ich muß es vor Samstag waschen und bügeln. Du kannst den Overall tragen, den wir letzte Woche gekauft haben. Wenn es nicht vorher regnet, kannst du deine Sonntagsschuhe anziehen.”

Die Zeit bis Samstag wollte einfach nicht vergehen. Manchmal wartete ich ungeduldig, und dann hatte ich wieder ein wenig Angst. Ich hoffte, die Mitglieder würden nicht meinen, ich wolle betteln, wenn ich um das Fastopfer bat.

Damals wurde das Fastopfer (und der Zehnte) oft in Naturalien gegeben. Die Leute gaben Eier, Butter, Mehl, Brot, Gemüse oder irgendetwas anderes, was die Mitglieder der Kirche im Garten zogen oder selbst herstellten. Diese Spenden wurden in das Lagerhaus des Bischofs gebracht und dann an Notleidende verteilt. Obwohl Bruder Pehrson nur drei Straßen weiter wohnte und ich erst um zehn dort sein sollte, weckte mich Mutter um sieben. Erst mußte ich baden, was sonst immer später am Samstag erledigt wurde. Dann mußte ich meine Schuhe putzen, durfte jedoch die Schuhe und den neuen Overall erst kurz vor dem Weggehen anziehen. Als ich das saubere, gestärkte Hemd, den neuen, noch steifen Overall und die engen Sonntagsschuhe anhatte, dachte ich, ich könnte nun gehen. Doch nein: Auch eine Krawatte mußte ich tragen!

Keine Inspektion beim Militär kann strenger sein als die meiner Mutter damals. Sie sah sich meine Ohren innen und außen an und kämmte mir immer wieder das Haar. Ich stand mit einem gezwungenen Grinsen da, als sie meine Zähne ansah.

„Paß' auf den Overall auf”, warnte sie mich, als ich aus der Tür ging. „Mach' dich nicht mit Mehl schmutzig. Sei höflich. Sage ,bitte', wenn du um das Fastopfer bittest, und ,danke', wenn du es bekommst. Wenn dich jemand ins Haus bittet, nimmst du deine Kappe ab, und kämme dich hin und wieder. Und wenn Schwester Schulz zu Hause ist, frage sie. ob du ihr etwas helfen kannst. Sieh zu, daß du um zwölf zurück bist; wir haben heute noch eine Menge Arbeit.”

Fred war schon bei Bruder Pehrson, als ich hinkam. Er hatte seinen „Expreß"-Leiterwagen mitgebracht, auf dem wir das Fastopfer verstauen sollten. Bruder Pehrson hat uns ins Haus und gab Fred ein Notizbuch, einen Mehlsack und eine riesige Blechbüchse

.„Das ist ein Maß”, klärte er uns auf. „Es faßt genau einen Kilo Mehl. Die meisten Mitglieder geben Mehl als Fastopfer. Wenn sie diese Dose mit Mehl füllen, dann schüttet ihr es in diesen Sack und schreibt ein Kilo Mehl auf. Wenn sie auch etwas anderes geben, Eier oder Butter, schreibt auch das mit dem Namen des Spenders auf. Wenn jemand nicht zu Hause ist. ist er vielleicht nächstesmal da und gibt euch dann das Fastopfer für zwei Monate.”

Fred steckte das Notizbuch und den Bleistift in die Hemdtasche und legte den leeren Mehlsack auf den Wagen. Da er der Senior von uns beiden war (er war vier Monate zuvor zum Diakon ordiniert worden), mußte ich den Wagen ziehen.

Zuerst gingen wir zu Bruder Anderson, der eine Straße von Bruder Pehrson entfernt wohnte. Fred machte das Gartentor auf und ich zog den Wagen vor die Veranda. Schwester Anderson machte auf, als wir klopften.

„Jaja, wir haben einen neuen Diakon, nicht wahr?”, sagte sie, als sie Fred die Büchse aus der Hand nahm. „Wie geht es deiner Familie. Chris? Und deiner. Fred? Bevor wir antworten konnten. ging sie ins Haus und kam dann mit der vollen Mehldose zurück.

Fred nahm das Notizbuch heraus und schrieb: „Schwester John Anderson, ein Kilo Mehl.”

Als wir wieder auf dem Bürgersteig waren. sagte Fred: „Du hast gesehen, wie ich das gemacht habe.” Damit überreichte er mir das Notizbuch und den Bleistift. „Der Junior führt immer Buch und zieht den Wagen.”

„Aber ich kann nicht so gut schreiben wie du”, protestierte ich. „Schreibe eben langsam, damit man's lesen kann. Und schreibe auf jeden Fall die Namen richtig”. erwiderte er unbarmherzig.

Als nächstes kamen wir zum Haus Mary Olsens, einer Witwe. Sie bat uns ins Haus und hieß uns auf ihren besten Stühlen im Wohnzimmer Platz nehmen. Aus einem Bücherschrank nahm sie die Photographien zweier Männer.

„Das sind meine beiden Jungen. Sie sind beide verheiratet und sind weggezogen, aber sie waren einmal beide Diakone wie ihr. Sie haben auch jeden Monat das Fastopfer eingesammelt. Ich war so stolz auf sie.”

Dann ging sie in die Küche und kam mit einer Dose voll Mehl zurück. Jedem von uns gab sie ein halbes Stück Kuchen. „Eßt das draußen, damit ihr keine Krümel auf den Boden macht.”

Sie ging bis zum Wagen mit und trug das Maß Mehl, das sie selbst in den Sack schüttete. „Bis nächsten Monat”, sagte sie, als wir gingen.

Ich hielt das Notizbüchlein gegen einen Zaunpfosten und trug so sorgfältig ich konnte mit großen Buchstaben ein: „Schwester Mary Olsen, 1 Kilo Mehl.”

Ich klopfte an die nächste Tür. Es war das Haus von Bruder Carl Christensen. Seine Tochter Ruby ging in meine Klasse. Sie machte auf.

„Mama ist nicht zu Hause”, sagte sie und blickte uns durch den Türspalt an. Dann schlug sie die Tür laut zu, bevor ich etwas sagen konnte.

„Schreibe auf, daß Schwester Christensen nicht zu Hause war”, sagte Fred. „Nächsten Monat gibt sie uns sicher zwei Maß Mehl.” Dann fügte er unerwartet hinzu: „Gehen wir über die Straße zu Herrn Simpson.”

„Aber er ist doch kein Mitglied”, warf ich ein.

„Er ist ein lieber alter Mann. und ich rede gerne mit ihm. Auch gibt er immer etwas.” Ich hatte mit Herrn Simpson noch nie gesprochen, ja, ich hatte sogar ein wenig Angst vor ihm. Ein hoher Zaun aus Weidengeflecht umgab seinen Garten, und man konnte nicht hineinsehen. Ich hatte ihn nur ein paarmal gesehen, wenn er auf der Straße vorüberging. Doch wußte ich, daß er einen Hund hatte, der laut bellte. Fred klopfte an die Tür und eine rauhe Stimme sagte: „Herein!”

Fred machte auf, und wir gingen hinein. Am Ende des Raumes saß Herr Simpson, den Arm auf den Tisch gestützt. Auf dem Tisch lag ein gewachstes Tischtuch. Neben ihm saß der größte und schwärzeste Hund, den ich je gesehen hatte.

Der Hund knurrte und wollte aufstehen. Herr Simpson befahl ihm: „Still, Diablo!” (Erst Jahre danach fand ich heraus, was Diablo bedeutet. Kein anderer Name hätte so gut zu dem Hund gepaßt.)

„Wer ist dein Freund?" fragte Herr Simpson.

„Das ist Chris. Er hilft mir das Fastopfer einsammeln.”

„Guten Tag”, sagte ich, indem ich mich auf die vorderste Kante eines Stuhls setzte. Fred hatte es sich bereits in einem großen Schaukelstuhl bequem gemacht.

Ich schaute zuerst an die Decke, dann auf den Fußboden, dann blickte ich mich im übrigen Zimmer um. An der Wand über dem Tisch hing eine riesige Flinte mit einem Schloß, wie ich es noch nie gesehen hatte. Herr Simpson merkte, daß ich mich dafür interessierte.

„Das ist ein Vorderlader”. sagte er. „Er wurde im Bürgerkrieg benutzt.”

Im Bürgerkrieg! Das schien Jahrhunderte zurückliegen. In Wirklichkeit war es erst an die fünfzig Jahre her.

Ich war von dem Gewehr so fasziniert, daß ich beinahe vergaß, was eigentlich unser Auftrag war. Doch als mir dieser wieder einfiel, sagte ich zu Fred: „Wir müssen das restliche Fastopfer einsammeln.”

„Kommt nur wieder, wann es euch gefällt”, sagte Herr Simpson, als wir gingen.

,Hier, gebt das Alf", sagte er noch und gab uns 25 Cent. „Ihr braucht es nicht aufzuschreiben. Ich gehöre ja nicht zu eurer Kirche.”

„Wer ist Alf?”, fragte ich Fred, als wir wieder auf der anderen Straßenseite waren. „Das ist Bruder Pehrson. Er heißt mit Vornamen Alfred.”

Wir befanden uns nun vor dem Gartentor Bruder Ed Petersons. Als ich anklopfte und um das Fastopfer bat, gab mir Schwester Peterson einen klobigen Stoffsack.

„Hier habt ihr ein Dutzend Eier. Wenn jemand in Not ist, kann er mehr damit anfangen, als mit ein wenig Mehl. Laßt sie nicht fallen”, warnte sie uns.

Als nächstes stand die Familie John Jacobsen auf unserer Liste. Sie waren jung verheiratet, und obwohl sie auf uns einen Eindruck mittleren Alters machten, dürften sie in den Zwanzigern gewesen sein. Sie kam an die Tür und hatte das hübscheste Kleid an, das ich je gesehen hatte. Sie gab uns einen Stoffsack.

„Es ist ein Laib Brot, den ich gerade gebacken habe”, sagte sie.

Ich spürte die Wärme des Brotes durch den Sack und der frische Brotduft war köstlich. Ich hoffte, man und Bruder Jorgen Olsen auf der Liste. Sie gaben uns beide etwas Mehl.

Zuletzt kamen wir zum Haus von Schwester Sena Schulz. Mutter hatte mir aufgetragen, ich solle sie fragen, ob ich ihr irgend etwas helfen könne, doch bevor ich ein Wort herausbrachte, sagte sie schon: „Kommt nur 'rein, Jungen. Natürlich habe ich etwas für euch, aber könnt ihr mir einen kleinen Gefallen tun. bevor ich es hole?”

„Klar. Was denn?”

„Eines meiner Lämmer ist aus dem Stall entwischt, und ich kann es alleine nicht mehr einfangen. Fred, geh du in diese Ecke des Gartens und du Chris, gehst auf die andere Seite. Gemeinsam scheuchen wir es dann in den Stall zurück."

Fred und ich fuchtelten mit den Armen und schrien. Schwester Schulz schwenkte ihre Schürze und rief: „Schu, schu!”

Das Lamm dachte wahrscheinlich, wir wollten mit ihm spielen. Es rannte hin und her, und manchmal machte es einen Luftsprung und wirbelte den Schwanz. Es dauerte gewiß eine halbe Stunde, bis wir es im Stall hatten. Dann brachte Schwester Schulz Bretter und einen Hammer, und Fred und ich vernagelten das Loch in der Stallwand.

„Danke, Jungs”. sagte sie dankbar. „Wenn ihr mir nun ein wenig Kleinholz zum Anheizen schneidet, backe ich euch zum Lohn ein paar Waffeln.”

Wir dankten ihr und erklärten, daß wir unsre Arbeit zu Ende bringen mußten, weil wir auch zu Hause unsere Pflichten hatten. „Ach, wartet noch einen Augenblick, ich habe etwas vergessen.” Sie griff in ihre Schürze und zog einen Briefumschlag hervor, der doppelt gefaltet und dann mit Bindfaden umwickelt war. Darauf stand: „Zehn Cent Fastopfer von Sena Schulz.” „Sie hat immer etwas zu tun für uns”, sagte Fred, als wir zu Bruder Pehrsons Haus zurückgingen.

Bruder Pehrson sah sich unsere Aufzeichnungen an. „Also. Vier Kilo Mehl. ein Dutzend Eier, ein Laib frisches Brot und 35 Cent in bar. Sicht aus, als hättet ihr gut gearbeitet. Ich bin sicher, daß irgend jemand, dem es schlecht geht, sehr dankbar sein wird, daß ihr all dies gesammelt habt.”

Dann rief er in das Nebenzimmer: „Mutter, meinst du nicht, zwei fleißige Diakone brauchen eine Belohnung?”

Einen Augenblick später kam Schwester Pehrson mit einem Teller Keks, einem Krug Milch und zwei Gläsern heraus. Sie stellte alles auf den Tisch und sagte, wir sollten zugreifen.

Nachdem ich gegessen hatte, verabschiedete ich mich von Fred und lief nach Hause.

„Wir war's?” fragte Mutter, als ich heimkam.

„Gut”, gab ich zur Antwort.

Doch das war ihr nicht genug. Ich mußte ihr jede Kleinigkeit erzählen. Die Geschichte von Schwester Schulz und dem Lamm machte ihr besonderen Spaß. (Als Vater am Abend heimkam. mußte ich alles wiederholen.)

Plötzlich sagte sie: „Aber jetzt zieh' das weiße Hemd aus. Wenn du es nicht allzu schmutzig gemacht has,. kannst du es morgen tragen, wenn du das Abendmahl austeilst. Und putze die Schuhe, und zieh wieder die alten Kleider an. Vergiß nicht, daß du nicht alle Arbeiten erledigt hast, als du heute morgen weggegangen bist.”

So endete mein erster Tag, an dem ich das Fastopfer mit einem Wagen einsammelte. Das war 1920.

Chris Jensen, Juni 1980

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