Das Fasten -- eine Gabe der Freude

Par Brigtte :: 13/05/2008 à 13:53 :: Fasten
 

Für mich ist das Fasten nicht der am leichtesten zu befolgende Evangeliumsgrundsatz. Doch vor einem Jahr kam ich zu der Erkenntnis. daß es höchste Zeit für mich sei, wieder regelmäßig zu fasten. Im Zusammenhang mit diesem Vorsatz beschloß ich auch, mich um Erkenntnis darüber zu bemühen, wie ich das Fasten sinnvoller gestalten könne so, daß der Herr es eher anerkennen könne und es meine Geistigkeit vertiefen werde.
Es kam der Fastsonntag. Ich beabsichtigte, vom Samstagnachmittag bis nach der Fast- und Zeugnisversammlung am Sonntagnachmittag zu fasten. Am Samstagabend besuchte ich jedoch eine Zusammenkunft, wo Erfrischungen gereicht wurden. Und so änderte ich meinen Plan: Ich wollte spät am Samstagabend mit dem lasten beginnen und es spät am Sonntagabend beenden.
Am nächsten Morgen bemühte ich mich wie üblich in großer Eile, meinen drei kleinen Mädchen das Frühstück zu geben und sie für die Sonntagsschule fertigzumachen. Plötzlich ertappte ich mich dabei, wie ich mir herabgetropften Honig von den Fingern leckte und mir Brotkrusten in den Mund schob, die die Kinder nicht mehr gemocht hatten. Als mir die Bedeutung meines Verhaltens bewußt wurde, verlor ich den Mut und fühlte mich schwach, sodaß ich es für diesmal aufgab zu fasten.
Ich nahm mir vor, später an einem Wochentag zu fasten, um mein Versagen auszugleichen. Es verging jedoch die Woche und schließlich der ganze Monat, ohne daß ich mein Ziel erreicht hätte. Und so kam der nächste Fastsonntag.
Diesmal waren die Umstände anders. Präsident Spencer W. Kimball bat die Mitglieder der Kirche, wegen der Wetterverhältnisse zu fasten und zu beten. In einigen Gebieten war es nämlich bitter kalt, und es schneite, während andere Landstriche von einer Dürre heimgesucht wurden. Es war ein erhebendes Gefühl zu wissen, daß ich mit hunderttausenden gemeinsam das ausführte, wozu uns ein Prophet Gottes aufgefordert hatte. Durch dieses Bewußtsein wurde ich so angespornt, daß ich mein Ziel erreichte.
Doch obwohl ich 24 Stunden weder aß noch trank, war ich mit meinem Bemühen nicht ganz zufrieden. Der Tag war nicht viel anders als die meisten Sonntage gewesen: ich war aber der Meinung, das Fasten müsse sich irgendwie auch auf den Ablauf des Tages auswirken, wenn es von Bedeutung sei. Da ich wußte, daß das Fasten wichtig ist, kam ich zu dem Schluß, daß ich nicht richtig fastete.
Und so nahm ich mir vor, mich in die Schrift zu vertiefen und mich mit den Grundsätzen des Fastens zu beschäftigen.
Ich wollte mich aber nicht auf das Lesen der Schrift beschränken, sondern las zur Ergänzung auch die Richtlinien über das Fasten, die wir von neuzeitlichen Propheten erhalten haben. Darin kam folgendes klar zum Ausdruck: Man soll den Fasttag in der Weise begehen, daß man sich zweier aufeinanderfolgender Mahlzeiten enthält und während dieser Zeit weder ißt noch trinkt; auch soll man die Fast- und Zeugnisversammlung besuchen und ein großzügiges Fastopfer spenden.
Mit diesem Wissen und dem innigen Wunsch, wirklich das Rechte zu tun, war ich bereit, das Gelesene praktisch auf die Probe zu stellen. Ich kannte das Gesetz des Fastens, und ich wußte, daß ich dieses Gesetz nach dem Buchstaben befolgen konnte. Die eigentliche Veränderung unseres Wesens wird jedoch durch den Geist des Gesetzes bewirkt, das wir befolgen. Ich faßte den Vorsatz, nach dem Geist des Fastens zu streben und mich dabei auf die fünf nachstehenden Bereiche zu konzentrieren:
  • Den Geist der Liebe zu  Gott und zu meinen Mitmenschen. Dies sind die beiden wichtigsten Ziele, und sie  verlangen, daß man ständig daran arbeitet. Mir fällt es zuweilen nicht nur  schwer, einige Menschen zu lieben, sondern es bereitet mir manchmal schon  Schwierigkeiten, nur den Wunsch zu haben, daß ich sie lieben könnte. Wenn ich aber an Gottes Liebe denke, bin ich von der Erkenntnis überwältigt,  daß ich ihm selbst dann nur eine klägliche Gabe darbringe, wenn ich so  viel Liebe aufbringe, wie es mir möglich ist.
  • Den Geist des Opferns  und Dienens. Das Fastopfer ist nur ein Anzeichen dafür, daß man von diesem  Geist durchdrungen ist. Ein weiteres Anzeichen muß meine Bereitschaft  sein, anderen Zeugnis zu geben. Auch muß ich eifrig nach zusätzlichen  Möglichkeiten Ausschau halten, wie ich meine reichen Segnungen mit anderen  teilen kann. Manchmal scheint es mir, als hätte ich noch nicht einmal  begonnen zu begreifen, was Opfersinn eigentlich bedeutet.
  • Den Geist der  Brüderlichkeit und der Gemeinschaft mit den Heiligen. Es erfüllt mich mit herrlicher Freude zu wissen, daß ich nicht allein faste. sondern mit allen  Mitgliedern der Kirche gemeinsam dieses segensreiche Gesetz befolge, und  daß uns Einigkeit stark machen kann.
  • Den Geist der Gemeinschaft mit Gott. An einem Tag im Monat kann ich mich von allen  Ablenkungen freimachen (außer von meinen drei kleinen Kindern, die mich in  meinem Bestreben noch nicht recht unterstützen können) und mich aufrichtig      bemühen, mein Herz zu reinigen, so daß mein Körper ein reiner Tempel ist und ich mit Gott eins sein kann.
  • Den Geist der Selbstbeherrschung. Ich betrachte es als ein Zeichen der Demut, daß ich  beim Fasten Willenskraft anwende, denn ich ordne meinen Villen dem Willen des Herrn unter: mich bewegt der Wunsch, meine geistige Macht zu  vergrößern und meinen Körper besser zu beherrschen, und ich bin bereit, dafür Buße zu tun, daß ich entgegen den Wünschen des Herrn handeln wollte oder gehandelt habe.
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    Ich fastete im Hinblick auf alle diese Prinzipien. Zum erstenmal fastete und betete ich darum, daß ich einer bestimmten Versuchung widerstehen könne, die mir zu schaffen gemacht hatte. Das Resultat kam einem Wunder gleich. Nicht nur, daß ich der Versuchung jetzt widerstand ‑ es war gar keine Versuchung mehr für mich! Ich widerstand nicht nur der Sünde, sondern wollte gar nicht mehr sündigen. Auf diese Weise wurde ich sogleich gesegnet.

    Ich erkannte, daß es für mein geistiges Wachstum wichtig war, bald wieder zu fasten, und nicht erst einen ganzen Monat zu warten. Diesmal fastete und betete ich wegen einer Entscheidung, die mir bisher Schwierigkeiten bereitet hatte. Das Für und Wider dabei hob sich fast gegenseitig auf, und ich hatte mir schon mehrere Wochen den Kopf darüber zerbrochen. Nachdem ich deswegen gefastet und gebetet hatte, erkannte ich plötzlich, wie ich zu handeln hatte, und ich brauchte keinen Augenblick mehr daran zu zweifeln, daß dies die bestmögliche Entscheidung war. Nach dem Fasten erlangte ich ein feineres Gefühl dafür, was für Nahrung ich meinem Körper zuführen soll. Irgendwie erschien mir mein Körper jetzt heiliger, und ich wollte von nun an nichts Unreines oder Unnötiges mehr essen. Es scheint fast, daß wir durch das Fasten ein Gespür dafür bekommen, welche Lebensmittel als echte Nahrung zu betrachten sind und welche unseren Organismus nur verunreinigen.

    Ich schien jetzt auch klarer und prägnanter denken zu können. Ich konnte mich vollkommen konzentrieren, wenn ich im Tempel war. Zwar fühlte ich mich während des Fastens körperlich schwach, doch hatte ich auch den Eindruck, daß ich nach dem Fasten mehr Arbeit leisten und ausdauernder arbeiten konnte.

    Ich fühlte mich auch meinem Mann und meinen Kindern herzlicher zugetan; eine überquellende Liebe und Zuneigung erfüllte mich. Ich schien öfter als früher in der Abendmahlsversammlung zu weinen, und sie bedeutete mir mehr als bisher. Ich bin sicher, daß sich an den Versammlungen selbst nichts geändert hatte, sondern daß ich gefühlsmäßig und geistig empfänglicher geworden war.

    Als weitere wichtige Segnung für mein Fasten hat sich meine Fähigkeit stärker ausgeprägt, schlechte Einflüsse und Versuchungen als solche zu erkennen und ohne weiteres Nachdenken sofort von mir zu weisen.

    Als ich erneut danach zu streben begann, so zu fasten, wie der Herr es wünscht, fand ich einige nützliche praktische Hilfsmittel. Nachstehend habe ich einen Teil dieser Gedanken aufgeführt.

    1. Fasten Sie gemeinsam  als Familie. Schöpfen Sie Kraft und geistigen Antrieb aus dem Vorbild, das uns das Priestertum gibt, und stärken Sie sich gegenseitig hei Ihrem      Bemühen. Wer noch nicht alt genug ist, sich von Speise und Trank zu  enthalten, kann immerhin am Geist des Fastens teilhaben — beten und  Begebenheiten aus der Schrift kennenlernen, singen und über die eigenen  Segnungen sowie darüber nachdenken, wie man anderen dienen kann.
    2. Entwerfen Sie einen  ausführlichen Plan, wie Sie anderen dienen und Opfer bringen wollen. Seien  Sie beim Fastopfer stets großzügig, und streben Sie nach Inspiration  darüber, was sie nach dem Willen des Herrn zusätzlich für andere tun      sollen.
    3. Bereiten Sie sich sorgfältig auf das Fasten vor, so daß Sie nicht mehr körperliche Arbeit      verrichten müssen als unbedingt nötig. Für mich bedeutet dies, daß ich im  voraus plane, was die Kinder anziehen und was sie essen werden. Ehe am  Samstag mein Fasten beginnt, versuche ich auch vorzubereiten, womit sich die Kinder am Sonntag beschäftigen können.
    4. Ich treffe meine Vorbereitungen  so sorgfältig, daß meine Geduld nicht überfordert wird. Ich plane  reichlich Zeit für die Vorbereitungen auf den Besuch der Versammlungen ein, so daß wir uns nicht zu beeilen brauchen.
    5. Ich plane Zeit für intensives Beten ein. Dies ist besonders jetzt wichtig für mich, wo meine drei kleinen Mädchen bei allem dabeisein möchten. Manchmal können wir als  Familie beten: manchmal bete ich zusammen mit meinem Mann, während die  Kinder schlafen, und manchmal kann einer von uns allein beten, während der  andere sich auf die Kinder konzentriert. Ausgiebig allein beten kann ich am besten mitten in der Nacht.
    6. Ich faste und bete zu einem bestimmten Zweck oder für eine spezielle Segnung. Es kann sich um ein persönliches oder um ein Problem der Familie handeln, um eine Segnung, die jemand anders benötigt, oder um etwas, was die ganze Kirche oder unser  Land betrifft: Zu letzterem gehört das Fasten für eine Änderung der Wetterverhältnisse.
    7. Ich tue für meine  Sünden Buße. Ich ringe um Kraft, damit ich mich ändern kann, und um  Inspiration, damit ich weiß wie ich es zuwege bringen kann. Ich suche nach  Möglichkeiten, wie ich meine Fehler wiedergutmachen kann und diejenigen, denen ich Unrecht getan habe, veranlassen kann, daß sie mir vergeben.
    8. Ich vertiefe mich in  die Schrift und sinne darüber nach. Ich versuche geistige Tiefen zu      ergründen, die ich noch nicht erfaßt habe. Ich greife auf das Wissen  meines Mannes zurück, um Antwort auf meine Fragen zu finden. Die Schrift  lese ich nicht nur Seite für Seite, sondern gehe auch nach Themen vor. Ich  suche nach Wegen, wie ich meine Kinder dahin führen kann, daß sie die  Schrift kennen und lieben.
    9. Ich preise Gott und zeige ihm, daß ich für seine Segnungen dankbar bin. Ich singe ihm  Loblieder und erfreue mich meiner Bindung an ihn. Ich lege anderen von ihm  und von seiner Güte Zeugnis ab.
    10. Ich vermeide  gesellschaftliche Konflikte und Ablenkungen. Hochzeitsempfänge und Partys,  Bankette und Sportveranstaltungen am Samstagabend sowie Bankette am  Sonntag sind vielleicht nicht dazu angetan, das Fasten und die geistige Verbindung mit Gott zu fördern.
    11. Meine Erfahrungen lege  ich in meinem Tagebuch nieder. Ich preise Gott darin, schreibe auf, wofür  ich Buße tue und wie ich mich ändern will, kommentiere Schriftstellen, die  ich gelesen habe, und halte darin fest, was ich unternehmen will, um  anderen zu dienen. Außerdem schreibe ich den Zweck auf, wofür ich jedesmal faste, und lege mein Zeugnis schriftlich nieder. Wenn wir regelmäßig  solche Tagebucheintragungen vornehmen, können wir damit in hervorragender  Weise unser Zeugnis stark erhalten, uns den Weg aufzeigen, wie wir uns  ändern können, und uns den nötigen geistigen Antrieb dazu geben. Auch  unsere Kinder und Kindeskinder können wir damit begeistern. Die Wunder,  die sich in unserem Lehen ereignen, verblassen schnell in unserem Gedächtnis, aber unsere Tagebucheintragungen können die Erinnerung daran  wieder wachrufen und unser Herz mit Sehnsucht nach dem ewigen Leben, einem  Leben voller unablässiger Wunder, erfüllen.
      Obwohl man mein Fasten noch immer nicht völlig zu Recht als „Freude und Gebet" bezeichnen kann, fühle ich mich diesem Ideal jetzt viel näher als vor einem Jahr. Ich bin dankbar für die Gewißheit, dal3 Gott lebt, daß wir seine Kinder sind und daß wir seinem Wunsch gemäß Freude erlangen sollen. Jetzt bin ich überzeugt davon, daß das Fasten ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Freude ist. Es stellt einen entscheidenden Faktor bei unserem Bestreben dar, alle unsere Schwächen abzulegen, alle unsere Fähigkeiten zu entwickeln und vollkommen zu werden, so daß wir wieder zu unserem Vater im Himmel zurückkommen können. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, daß er mir offenbart hat, wie sehr uns das Fasten auf dem Weg zurück in seine Gegenwart helfen kann.
    Sheryl  Condie Kernpton, Juli 1978


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